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Wahlkampf durch Überhöhung? Was hinter der AfD-Siegesrhetorik steckt

• Nov 29, 2025, 11:14 AM
9 min de lecture
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Die in Teilen gesichert rechtsextreme AfD gibt sich derzeit so siegessicher wie nie. In Sachsen-Anhalt träumt Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bereits öffentlich von einer Alleinregierung. Und sollte das nicht klappen, ist für Parteichef Chrupalla klar, dass seine Partei spätestens nach der Bundestagswahl 2029 die Regierung stellen wird. Rethorisch scheint die AfD kaum noch Grenzen für die eigene politische Zukunft zu sehen.

Gleichzeitig unterstreichen aktuelle Wahlergebnisse den Aufwind der rechstpopulisten: Bei den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen konnte die Partei ihr Ergebnis nahezu verdreifachen und erreichte 14,5 Prozent nach lediglich 5,1 Prozent im Jahr 2020. In bundesweiten Umfragen liegt sie mit 25,5 Prozent (INSA, Stand 16. September 2025) gleichauf mit der Union, in Bayern erreichte sie laut einer Forsa-Erhebung mit 19 Prozent kürzlich einen historischen Rekordwert.

Doch wie unbesiegbar ist die AfD wirklich? Dr. Johannes Hillje, Politik- und Kommunikationsberater in Berlin und Brüssel, der seit Jahren Parteien und Politiker unter anderem als Wahlkampfmanager begleitet, ordnet die jüngsten Aussagen der AfD ein und zeigt, warum die Maximalansprüche nicht nur Schwäche offenbaren, sondern auch unerwartete positive Folgen für die demokratischen Parteien haben könnten.

Sachsen-Anhalt: Hoffnung auf "sich selbst erfüllende Prophezeiung"

In Sachsen-Anhalt tritt die AfD besonders selbstbewusst auf. Landeschef Ulrich Siegmund bekräftigte zuletzt den Anspruch, nach der Landtagswahl im kommenden Jahr die Regierungsverantwortung ohne Koalitionspartner übernehmen zu wollen.

Rückenwind verschafft der Partei hierbei eine aktuelle Umfrage vom 4. September. Mit 39 Prozent liegt die AfD in dem osteutschen Bundesland klar vorn, erst mit deutlichem Abstand folgt die CDU mit 27 Prozent. Eine Maximalforderung mit Ansage also, gestützt auf hohe Werte in den Umfragen.

Das Paradoxe dabei: Diese Maximalforderungen sind nach Einschätzung von Politikberater Dr. Johannes Hillje weniger Ausdruck realer Stärke als vielmehr ein Zeichen von Schwäche - auch trotz der derzeit starken Umfragewerte.

"Da hofft man auf eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Doch im Kern ist es Wunschdenken, denn trotz der guten Umfragewerte bleibt dieses Szenario unrealistisch. Der Fokus auf eine Alleinregierung ist letztlich aus der Not geboren: Es gibt derzeit keine andere Regierungsoption für die AfD. Bisher ist jede Regierungsbeteiligung daran gescheitert, dass die Partei schlicht nicht koalitionsfähig ist. Niemand will mit ihr zusammenarbeiten."

Ein Blick nach Thüringen zeigt, dass Wahlerfolge der AfD nicht automatisch in Regierungsverantwortung münden, so Hillje.

"Dort ist die AfD zwar stärkste Kraft geworden, regiert aber nicht. Ein Wahlsieg bedeutet also keineswegs automatisch eine Regierungsbeteiligung."

Im September 2024 konnte die AfD in dem ostdeutschen Bundesland zum ersten Mal mit 32,8 Prozent der Stimmen eine Landtagswahl für sich gewinnen. Zweitplatzierter wurde die SPD - mit lediglich 20,6 Prozent. Dennoch kam es zu keiner AfD-Landesregierung. Denn: Keine der Parteien war bereit dazu, mit dem von Björn Höcke geführten Landesverband zu koalieren.

AfD-Rhetorik als Mobilisierungsstrategie

Es handelt sich hier laut Dr. Johannes Hllje also weniger um reale Planung und mehr um kalkulierte Wirkung. Die AfD nutze ihre Rhetorik als Instrument, um Erwartungen zu wecken und Wähler gezielt zu mobilisieren.

Dieses Muster konnte sich bereits im Vorfeld der vorgezogenen Bundestagswahl Anfang 2025 beobachten. Auf dem Parteitag, auf dem Alice Weidel offiziell zur Kanzlerkandidatin gekürt wurde, erklärte Co-Chef Tino Chrupalla selbstbewusst, Weidel werde die nächste Bundeskanzlerin sein. Dazu kam es am Ende jedoch nicht.

"Ein so verheißungsvolles Ziel kann die eigene Wählerschaft motivieren und zusätzlich Menschen aus dem Nichtwählerlager ansprechen, wenn es gelingt, die Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung oder sogar Alleinregierung plausibel erscheinen zu lassen."

Chance für politische Gegner

Doch Mobilisierung ist kein einseitiger Effekt. Auch die politischen Gegner können laut Hillje daraus Nutzen ziehen - in diesem Falle der CDU-Kandidat Sven Schulze.

Der steht aktuell vor einer großen Aufgabe. Mit seiner Kandidatur tritt er in die großen Fußstapfen des derzeit amtierenden und durchaus beliebten Landesregierungschefs Reiner Haseloff. Als Dienstältester Ministerpräsident prägte dieser die Politik weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts, wurde unter anderem als Bundesminister in betracht gezogen und gilt als laute Stimme des Ostens.

Daran muss Schulze nun anknüpfen.

Sein Nachteil: Er ist bislang deutlich weniger bekannt als sein Vorgänger. Und um Wahlen zu gewinnen, muss man bekanntlich ersteinmal auf dem Radar der Wähler erscheinen.

Umso mehr könnte ihm die Aufmerksamkeit, die die AfD mit ihren Maximalforderungen erzeugt, laut Politikberater Hillje indirekt zugutekommen.

"Das ist auf jeden Fall zunächst ein Aufmerksamkeitsbooster für Sven Schulze. Man könnte fast einem ‚Kollateralnutzen‘ sprechen: Durch die starke Position der AfD entsteht so viel Aufmerksamkeit, dass nun auch der CDU-Kandidat stark in den Fokus rückt weil er als aussichtsreichster Gegenkandidat zu Ulrich Siegmund gesehen wird."

In diesem Szenario biete sich der CDU die Möglichkeit, ihre Rolle als zentrale Kraft im "demokratischen Block" zu unterstreichen und diese Position strategisch zu nutzen.

"Augenwischerei": Chrupallas Regierungsanspruch ohne Grundlage

Die Entwicklung in Sachsen-Anhalt ist damit nicht nur ein regionaler Stimmungstest, sondern Teil einer größeren Strategie. AfD-Chef Tino Chrupalla machte das Anfang September beim politischen Frühschoppen im niederbayerischen Abensberg deutlich: "Wenn nicht schon nächstes Jahr in Sachsen-Anhalt, dann spätestens 2029 auf Bundesebene."

Für derartige Zukunftsvisionen auf Bundesebene hat Dr. Hillje sogar noch deutlichere Worte:

"Diese Aussage entbehrt jeder Grundlage. Zwar liegt die AfD im Bund mit 25 Prozent so hoch wie noch nie zuvor. Aber solange keine Partei mit ihr koalieren will, reichen 25 Prozent niemals für eine Regierungsbeteiligung. Von daher ist das Augenwischerei - unglaubwürdig und noch weiter von einem realistischen Szenario entfernt als der Anspruch auf eine Alleinregierung in Sachsen-Anhalt.“

AfD-Erfolge beunruhigend - CDU in Schlüsselrolle

Hillje warnt dennoch vor den Gefahren, die von der AfD ausgehen, die in Teilen vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird.

Vor allem die Landespartei Sachsen-Anhalt spielt in dem Gutachten des Bundesamts für Verfassungsschutz eine zentrale Rolle. 20 ihrer 30 Abgeordneten werden darin namentlich erwähnt – mehr als in jedem anderen Bundesland. Besonders hervorgehoben werden enge Kontakte zu rechtsextremen Organisationen sowie zur inzwischen offiziell aufgelösten Nachwuchsorganisation Junge Alternative (JA).

Mehrere Spitzenfunktionäre werden direkt zitiert. Ihnen attestiert der Verfassungsschutz, Menschen mit Einwanderungsgeschichte systematisch zu kriminalisieren. Auch Spitzenkandidat Ulrich Siegmund findet sich im Bericht - unter anderem wegen seiner Unterschrift unter der "Dresdner Protestnote", in der von einem angeblichen "Bevölkerungsaustausch" die Rede ist.

"Natürlich muss man sich Sorgen machen, wenn eine gesichert rechtsextreme Partei bei 25 Prozent steht und in Umfragen sogar führt", sagt Dr. Hillje.

Umso wichtiger sei deshalb die Brandmauer der CDU, zumal die AfD selbst offen davon spreche, die Union langfristig abschaffen zu wollen. Entscheidend werde am Ende die Haltung der CDU sein.

"Die derzeitige Parteispitze halte ich für glaubwürdig, wenn sie eine Zusammenarbeit mit der AfD ausschließt. Auch aus eigenem Interesse: Die AfD will die Union verdrängen und wächst vor allem auf Kosten ihrer Wähler. Eine Koalition würde die CDU daher selbst schwächen und der AfD zusätzliche politische Wirksamkeit verleihen."

Wahlsieg der AfD ist kein Untergang der Demokratie

Zusammenfassend ordnet Hillje die jüngsten Aussagen der AfD als Teil einer kalkulierten Kommunikationsstrategie ein. Es gehe dabei nicht um realistische Planung, sondern um die Logik der Aufmerksamkeit.

Provokation, Übertreibung und Emotionalisierung erzeugten Resonanz und zwängen die Konkurrenz zu vorhersehbaren Reaktionen.

„Das ist aufmerksamkeitsökonomisches Gepolter, eine bewusste Übertreibung und zugleich eine Provokation in Richtung der anderen Parteien. Man hört in diesen Aussagen deutlich die Logik, nach der die AfD seit jeher agiert: Wer besonders stark provoziert, polarisiert oder emotionalisiert, erhält maximale Aufmerksamkeit. Oft folgt darauf die erwartbare Reaktion der anderen Parteien - ein Reiz-Reaktionsmechanismus, den die AfD gezielt in Gang setzt. Das ist typisch für ihren Kommunikationsstil.“

Also, was tun?

Entscheidend sei es, die Aussagen der AfD nicht unreflektiert weiterzutragen, sondern einzuordnen, betont Hillje. "Ich finde, es werden zu viele schnelle Schlagzeilen produziert. Wichtig ist eine realistische Einschätzung solcher Alleinregierungsansprüche. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich eingelöst werden, ist sehr gering. Genau das muss thematisiert und klar benannt werden."

Hillje warnt davor, Wahlergebnisse vorschnell dramatisierend zu deuten. Es gebe, so betont er, "keinen Automatismus zwischen Wahlsieg und Regierungsbeteiligung". Aufgabe der Medien sei es, dies immer wieder klarzumachen. Ein Wahlsieg der AfD bedeute daher noch längst nicht den Untergang der Demokratie, solange sie keine Mehrheiten bilden könne. Oft jedoch würden Schreckensszenarien gezeichnet, "die im Kontext unseres politischen Systems nicht realistisch sind“.

Gegen die AfD hilft keine Aufregung – sondern Vertrauen

Am Ende geht es also darum, die AfD weder aufzublasen noch zu verharmlosen. Ihre Maximalforderungen müssten ernsthaft eingeordnet, aber nicht überhöht werden.

Entscheidend sei, ihre Aussagen realistisch einzuordnen und die Mechanismen ihrer Rhetorik offenzulegen, so Dr. Johannes Hillje. Nur so könnten Medien und Parteien verhindern, in den von der AfD bewusst gesetzten Reiz-Reaktionskreislauf hineingezogen zu werden.

Die eigentliche Aufgabe der demokratischen Kräfte liegt damit weniger in der ständigen Reaktion auf AfD-Provokationen als in der Entwicklung eigener politischer Antworten. Nur wer Vertrauen zurückgewinnt und die Wähler mit einer glaubwürdigen Ansprache erreicht, kann den Raum besetzen, den die AfD derzeit für sich beansprucht.


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