Klassiker oder Kokolores: Sind das die meistüberschätzten Alben aller Zeiten?
Es gibt Alben, an die sich kaum jemand herantraut: Kritik gilt als Tabu, Neu-Bewertungen ebenso.
Sie kennen die Kandidaten: Platten, die fast allen heilig sind und die jede selbst ernannte Musikliebhaberin im Regal haben muss. Doch sind diese Alben wirklich unantastbar? Oder plappern wir nur brav das nach, was immer schon als Weisheit galt?
Die Euronews-Culture-Redaktion legt die Karten auf den Tisch und hört sich zwölf angebliche „Meisterwerke“ noch einmal konzentriert an. Unsere Frage: „Wird es nicht langsam Zeit zuzugeben, dass diese Platten vielleicht doch nicht die sakrosankten Triumphe sind, als die man sie verkauft?“
Natürlich gilt: Jedem das Seine. Wir wollen hier keine Dämme brechen. Apropos – wir fangen an mit ...
Led Zeppelin – IV (1971)
Dieses Album schenkte uns „Stairway to Heaven“, vielleicht den größten Rocksong, der je aufgenommen wurde. Viele sehen darin den Höhepunkt im Schaffen von Led Zeppelin. Für unzählige Fans ist es Pflichtprogramm, ein Rock’n’Roll-Klassiker. Und trotzdem.
Die vierte Platte von Led Zeppelin startet wie ein Hydrant an einem glühend heißen Sommertag. „Black Dog“ und „Rock and Roll“ fegen einen um, das ist beeindruckend. Später kommen die überirdische Ballade „Stairway to Heaven“ und das sanfte „Going to California“ dazu. Aber ist dieses Album wirklich so geschlossen und perfekt, wie es immer heißt? Da habe ich Zweifel.
Die ganz großen Momente tragen die ganze Platte. Man darf deshalb fragen, ob sie nicht unsere Wahrnehmung des Gesamtwerks verzerren – und ob die Mythologie um die Band nicht einiges verklärt. Das Problem: Sobald ein Album als das Meisterwerk gilt, muss sich alles andere daran messen. Dabei hat die Band mutigere Platten gemacht. „Led Zeppelin III“ wirkt ruhelos und eklektisch, „Physical Graffiti“ wagt auf einem doppelten Kaleidoskop-Album deutlich größere Sprünge. Bei allem Glanz sollte „IV“ nicht das gesamte Vermächtnis von Led Zeppelin monopolisieren. CS
Eagles – Hotel California (1976)
Erinnern Sie sich an die Szene in The Big Lebowski, in der The Dude mit einem Taxifahrer aneinandergerät, weil der den Radiosender nicht wechseln will? „I've had a rough night, and I hate the fucking Eagles, man!“ sagt unser liebster Slacker. Innerlich klatsche ich bei dieser Stelle jedes Mal Applaus.
Die Eagles sind, nun ja, schlicht grottig – und ihr berühmtestes Album liefert den Beweis. Viele sehen das anders: „Hotel California“ gehört zu den meistverkauften Alben der Geschichte, mit rund 44 Millionen verkauften Exemplaren weltweit. Und als zusätzliche Ohrfeige bleibt ihr „Greatest Hits“-Album in den USA bis heute die meistverkaufte Platte überhaupt. Da kommt man ins Grübeln.
Ihr angeblicher Rockklassiker von 1976 ist vollgestopft mit mittelmäßigen Songs über gut aussehende Menschen in der Wüste, gut aussehende Menschen im Auto in Los Angeles, gut aussehende Menschen auf der Straße – und gut aussehende Menschen, die philosophieren: „Should I stay or go? I really want to know / Would I lose or win if I try and love again?“ Den Gefühlsrat überlasse ich gern der Band, viel Glück damit. Was die zweite Frage angeht: Geht. Bitte einfach gehen. DM
Fleetwood Mac – Rumours (1977)
Auf einer fünfstündigen Autofahrt mit zwei meiner besten Freunde beschlossen wir, die Zeit sinnvoll zu nutzen und einige der angeblich größten Alben aller Zeiten komplett durchzuhören. Wir starteten mit Michael Jacksons „Thriller“ – brillant, fast fehlerlos, abgesehen vielleicht von dem zuckersüßen McCartney-Duett. Danach „The Miseducation of Lauryn Hill“: wunderschön, soulful, schlicht überwältigend.
Als dann „Rumours“ von Fleetwood Mac an der Reihe war, erwarteten wir eine lebensverändernde Erfahrung. Die blieb aus. Das heißt nicht, dass „Rumours“ schlecht wäre. Im Gegenteil, vieles ist großartig. „Dreams“ zählt wohl zu den besten Songs, die je aufgenommen wurden. „Go Your Own Way“ ist bis heute ein Hit, und der ikonische Basslauf mit der Explosion in „The Chain“ ist absolute Spitzenklasse.
Doch als Gesamtwerk ließ das Album uns alle drei erstaunlich kalt. Nimmt man die ganze Beziehungsdramatik und die Legenden, die drum herum erzählt werden, weg, bleibt oft etwas sehr glatt Produziertes, stellenweise geradezu beige. „Second Hand News“ ist ein überraschend blasser Opener, „Don’t Stop“ übertrieben fröhlich, und „Oh Daddy“ schlicht einschläfernd. In den Tagen danach habe ich „Tusk“ und „Tango in the Night“ gehört, beide spätere Alben der Band – und sie wirkten auf mich deutlich experimentierfreudiger und interessanter. „Rumours“ enthält einige perfekte Songs, aber das Album als Ganzes ist weit entfernt von Perfektion. TF
Pink Floyd – The Wall (1979)
Ich liebe Konzeptalben, und Pink Floyd haben in dieser Disziplin selten enttäuscht. Ihre Rockoper von 1979 ist erzählerisch ein gewaltiges Unterfangen. Als Hörerlebnis hat sie mich allerdings nie erreicht.
Um es deutlich zu sagen: Dieses Doppelalbum hat mich gleichzeitig zu Tode gelangweilt und deprimiert. Ja, es soll anstrengend sein und die Themen Einsamkeit und Verlassenwerden widerspiegeln, die sich Roger Waters gewünscht hat. Trotzdem wirkt „The Wall“ aufgebläht, voller schwerfälliger Metaphern und mit mehr Füllmaterial als jede andere Platte der Band bis dahin.
„Another Brick in the Wall, Part 2“, „Hey You“ und „Comfortably Numb“ sind unantastbare Perlen, keine Frage. Aber das sind drei Highlights in einer 26 Songs langen, ziemlich mühsamen Strecke. Und wenn man sich die übrige Diskografie anschaut, übertrumpft jedes frühere Konzeptalbum „The Wall“ noch immer. Geben Sie mir „The Dark Side of the Moon“ (das Original, nicht diese furchtbare Neuauflage, die Waters vor drei Jahren veröffentlicht hat), „Wish You Were Here“ oder „Animals“ – an jedem Tag der Woche, statt „The Wall“. DM
AC/DC – Back in Black (1980)
Das Ding mit AC/DC ist folgendes: In ihrem Repertoire reiht sich ein ermüdender Riff an den nächsten. Alles folgt derselben lärmenden Blue-Collar-Rock-Formel, sodass jeder „Hit“ klingt, als hätte man ihn gerade eben schon gehört.
Sie könnten mir Songs aus „Back in Black“, „Highway to Hell“ oder irgendeinem der anderen 16 Alben vorspielen (ja, ich habe nachgezählt), und ich würde Sie nur verständnislos ansehen – wie ein erschöpfter Basset, der sich nach der süßen Erlösung durch Abwechslung sehnt. Oder Tinnitus. Beides wäre ok. Die Verteidigung ruht. Ihre Zeugin, Ihr Zeuge. DM
Prince – Purple Rain (1984)
Ein Oscar. Zwei Grammys. Ein Nummer-eins-Album, das 24 Wochen an der Spitze der Billboard 200 stand. Mehr als 25 Millionen verkaufte Exemplare weltweit. „Purple Rain“ gilt als eines der prägenden Alben der 1980er Jahre. Und ich verstehe, warum.
Prince war ein absurd begabter Musiker: Gitarrist, Pianist, Produzent, Songwriter, Sänger. Die Kreativität und das handwerkliche Können auf dieser Platte lassen sich schwer bestreiten. Vielleicht liegt aber genau darin das Problem. „Purple Rain“ wirkt mitunter, als wolle Prince in jedem Song beweisen, dass er alles gleichzeitig kann.
Gitarrensoli, Tonartwechsel, Falsett-Ausflüge – jeder Track scheint den kompletten Werkzeugkasten aufzufahren. Das kann berauschend sein, etwa im Finale von „The Beautiful Ones“. Es kann aber auch überladen, theatralisch und schlicht anstrengend wirken. Textlich ist das Album überraschend dünn. Für einen Songwriter, der als Genie verehrt wird, sind Stücke wie „Take Me With U“ erstaunlich austauschbar.
Und der Titelsong? Natürlich, ein Klassiker, keine Diskussion. Aber musste er wirklich acht Minuten und 41 Sekunden dauern? Prince, ich habe noch anderes zu tun. TF
The Smiths – The Queen Is Dead (1986)
Vorab: Anders als Zooey Deschanel in (500) Days of Summer „liebe“ ich The Smiths nicht. Im Gegenteil. Morrissey, der heute stolz sein „For Britain“-Abzeichen trägt, ist für mich ein weinerlicher, schief singender, aufgeblasener Typ. Neutralität sollten Sie hier also nicht erwarten.
„The Queen Is Dead“ gehört zu den Alben, die auf fast jeder Liste der „Besten Alben aller Zeiten“ verpflichtend auftauchen und regelmäßig als das Meisterwerk der Smiths gelten. Einiges an Begeisterung kann ich nachvollziehen. Johnny Marrs Gitarrenspiel ist makellos, die Band klingt durchgehend scharf, der Opener knistert vor Energie und „There Is a Light That Never Goes Out“ ist, man glaubt es kaum, tatsächlich charmant eingängig.
Doch dazwischen verstecken sich handfeste Ausfälle. „Frankly, Mr. Shankly“ ist ein zuckersüßer, nerviger Nonsens-Song, bei dem ich nicht begreife, warum ihn jemand freiwillig ein zweites Mal auflegt. „Vicar in a Tutu“ wirkt noch rätselhafter. Selbst „Some Girls Are Bigger Than Others“ ist ein erstaunlich lascher Abschluss für ein angebliches Jahrhundertalbum.
Vielleicht übersehe ich etwas. Vielleicht haben Morrisseys Stimme und Ego mich einfach zermürbt. So oder so: Meisterwerk? Ich bin nicht überzeugt. TF
Oasis – Definitely Maybe (1994)
Ich würde nicht so weit gehen zu behaupten, Oasis insgesamt seien überschätzt. Aber auf einem Punkt bestehe ich: Ihr Debütalbum genießt einen unverhältnismäßig hohen Status.
Ja, „Definitely Maybe“ wurde zum Soundtrack einer neuen Ära: Schluss mit Grunge, Willkommen Britpop. Der Hype seit der Veröffentlichung ist allerdings ermüdend. Die Singles sind eingängig, und niemand bestreitet Noel Gallaghers Gespür für mitgröhlbare Refrains. Doch vieles dazwischen ist Füllmaterial, mit Texten, die entweder inspirationslos wirken oder klingen, als kämen sie von jemandem mit voller Windel.
Zu Liams Performance: Es gibt Gründe, warum seine gedehnten Zeilen „Toniiiiiiiight I'm a rock 'n' roll staaaar“ und „Sun-sheeeee-iiiiiii-ne“ unzählige Memes hervorgebracht haben. Biblisch ist das nicht, r'kid.
Unterm Strich sind Oasis eine großartige Singles-Band. Wenn es um schlüssige Alben geht, funktioniert nur ein Longplayer wirklich als geschlossenes Werk – ironischerweise ihre B-Seiten-Compilation „The Masterplan“, bis heute ihr bestes Release. Mir ist bewusst, dass mich auch der parodistische Macho-Gehabe mancher „Madferit“-Fans zusätzlich nervt.
Vergöttern können Sie die Band trotzdem, wie Sie wollen. Zwei Dinge bleiben: Erstens, so gut sie stellenweise sind, sie waren nicht die Retter des britischen Rock’n’Roll. Zweitens, ihre Zeitgenossen Blur, Pulp und die Super Furry Animals waren deutlich innovativer. Diskutieren ausdrücklich erwünscht. DM
Kanye West – Graduation (2007)
Auf Ye einzudreschen ist heute einfach. Er hat Dinge gesagt, die derart widerlich sind, dass er in den meisten europäischen Ländern nicht mehr auftreten darf. Jetzt steht er kurz davor, in Russland auf die Bühne zurückzukehren – ein weiteres Kapitel in seinem Absturz zum öffentlichen Paria.
Trennt man Kunst und Künstler, lässt sich kaum bestreiten, dass West eine fast beispiellose Serie von Alben hingelegt hat. Seine ersten sechs Veröffentlichungen waren auf ihre jeweils eigene Art stilbildend. Trotzdem ist „Graduation“ nicht das Pop-Rap-Meisterwerk, als das man es gern verkauft.
Das 2007 veröffentlichte Album ist fürs Stadion gebaut: riesige Hooks, glänzende Synths, Produktion im U2-Maßstab. Ja, „Graduation“ schob den Mainstream-Hip-Hop in eine melodischere, experimentellere Richtung. Im Vergleich zu den größeren Statements, die Ye mit „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ oder „Yeezus“ abgab, wirkt die Platte jedoch erstaunlich oberflächlich.
„Graduation“ ist eher ein Triumph des kommerziellen Instinkts als eine künstlerische Offenbarung. Gerade ein Künstler, der am stärksten ist, wenn er unberechenbar bleibt – leider auch heute noch – klingt hier überraschend brav. CS
Arcade Fire – The Suburbs (2010)
Zehn Jahre bevor Frontmann Win Butler als manipulativer Creeper enttarnt wurde, erreichten Arcade Fire Höhen, die für eine Indie-Band zuvor kaum vorstellbar waren. 2011 gewann „The Suburbs“ überraschend den Grammy für das Album des Jahres. Arcade Fire hatten es geschafft.
Das Album ist eine 64-minütige Ode an verlorene Jugend und blutleere Vorstadteintönigkeit. Es bietet geschmeidige Hooks, Midtempo-Gitarren und Hymnen für die große Landstraße. Kein schlechtes Hörerlebnis – sofern man die Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens gegen Butler ausblenden kann. Im Gegenteil, vieles macht Spaß. Aber Album des Jahres? Das war schon damals hoch gegriffen und ist es heute erst recht.
Zeilen wie „Rococo, rococo, rococo / Oh, they’re breaking my heart“ oder „I feel like I’ve been living in / A city with no children in it“ sind entweder überzogen oder zu schlicht – je nach Blickwinkel. Verglichen mit der sehr realen Verzweiflung der Gegenwart wirkt die aufgeladen-melancholische Vorstadtnostalgie inzwischen fast lächerlich. CS
Daft Punk – Random Access Memories (2013)
Nach dem enttäuschenden „Human After All“ (2005) galt „Random Access Memories“ als triumphales Comeback von Daft Punk. Das vierte und letzte Studioalbum des Duos verneigt sich vor der Musik der 1970er und 1980er Jahre, vor allem vor Disco und Funk.
Die Liste der Mitwirkenden konnte sich sehen lassen: Die französischen Electro-Pioniere holten Giorgio Moroder, Pharrell Williams, Nile Rodgers und Julian Casablancas an Bord, um ihren Schwanengesang einzuspielen. Die Reaktionen waren überwältigend positiv, und ja, der nostalgische Soundflash tat damals gut. Die allgegenwärtige Single „Get Lucky“ war zu Recht kaum zu überhören.
Trotzdem bekommt „Random Access Memories“ bis heute zu viel Lob. Hört man das Grammy-prämierte Album am Stück, merkt man: Das Tempo ist weniger straff, als man es in Erinnerung hat, viele Tracks wirken selbstverliebt, das Ganze ist stellenweise erstaunlich unbeholfen. Ich vermute, das Marketingteam trug seinen Teil zum Mythos bei – die Teaser-Kampagne vor der Veröffentlichung war schlicht brillant.
Wenn es hart auf hart kommt, ist „RAM“ vielleicht nicht le plus faible im Katalog des Roboter-Duos, aber ganz sicher nicht ihr chef-d'oeuvre. Über die drumlose Neuauflage von 2023 müssen wir gar nicht erst sprechen – eine Zeitverschwendung sondergleichen. DM
Taylor Swift – Folklore (2020)
Als Taylor Swift „folklore“ veröffentlichte, saß ich in Bangkok in der Redaktion eines frechen Stadtmagazins – und hatte keinen besonders guten Jobtag. Nach etwa fünf Songs dieses 16 Stücke umfassenden Albums dachte ich mir: „Genau dafür gibt es den Beruf der Redaktion.“
Swift braucht mein Lob als Songwriterin nicht. 14 Grammys und rund eine Milliarde US-Dollar sprechen für sich. Ihr Werk ist größtenteils stark. Doch „folklore“ war das erste klare Zeichen, dass das Ego größer zu werden begann als die Künstlerin.
Der Schwenk hin zu klaverdominierten, kuscheligen Herbstsongs war willkommen und keine Überraschung, zumal Swift mit Aaron Dessner von The National zusammenarbeitete. Aber war Dessner der Editor, den sie brauchte? Konnte überhaupt jemand sie noch editorisch einfangen?
Wenn das Album gut ist – etwa bei „this is me trying“ – ist es richtig gut. Wenn nicht – etwa bei „betty“ oder „illicit affairs“ – wünscht man sich, jemand hätte beherzt zur Schere gegriffen. Rückblickend markiert „folklore“ einen Wendepunkt in Swifts Karriere. Seitdem wirken ihre einst scharfen Texte zunehmend rätselhaft (man denke an „Fortnight“ oder „epiphany“), und ihre Alben werden immer selbstverliebter und aufgeblähter. CS
So viel zu unseren Demontagen – heroische Klartextanalysen oder reine Blasphemie? Schreiben Sie uns gern. Nur eines: Wenn Sie die Eagles verteidigen wollen, sparen Sie sich die Mühe. Das Leben ist zu kurz.
Dieser Text wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz übersetzt. Ein Problem melden : [feedback-articles-de@euronews.com].
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