Ungewollte Schwangerschaft: Produktfehler bei Kupferspirale jahrelang unbeobachtet

Viele Frauen in Deutschland entscheiden sich für eine Verhütung mit der Kupferspirale. Ein Produkt soll bei hunderten Frauen unbemerkt fehlerhaft eingesetzt worden sein - mit schwerwiegenden Folgen. Berichte des Spiegels und der taz zeigen auf, dass die Spirale eines spanischen Herstellers zu ungewollten Schwangerschaften und Komplikationen bei der Verhütung und der Intimgesundheit von Frauen geführt haben soll.
Als hormonfreie Alternative zur Pille oder Hormonspirale hat die Kupferspirale an Beliebtheit gewonnen. Der Körper der Spirale besteht aus Kunststoff, darum ist ein dünner Goldkupferdraht gewickelt. Durch Kupferionen werden Spermien geschädigt, auf diese Weise wird eine Schwangerschaft verhindert.
Wie ein umgedrehter Anker sitzt die Spirale in der Gebärmutter. Doch bei bestimmten Modellen gab es vermehrt Beschwerden, dass einer der Arme ohne Zutun abgebrochen sei. Bricht einer der Arme, so hält die Spirale sich nicht mehr an Ort und Stelle. Weder die Verhütung ist sicher, noch die losen Rückstände im Körper der Frauen, welche die empfindlichen Schleimhäute verletzen oder in den Bauchraum gelangen könnten.
Fabrikationsfehler bei der Kupferspirale
Hunderte Frauen sollen in Deutschland betroffen sein, berichtet der Spiegel, in ganz Europa wären es Tausende. Mehrere Modelle des spanischen Herstellers Eurogine weisen Fehler auf, darunter Gold T Normal, Ancora oder Novaplus. Ihr Herstellungsdatum liegt bereits einige Jahre zurück, sie wurden zwischen 2014 und 2017 produziert.
2018 räumte Eurogine einen Fabrikationsfehler ein. Zunächst wurden laut Bundesinstitut für Arzenimittel und Medizinprodukte (BfArM) bestimmte Chargen des Modells Ancora zurückgerufen, gefolgt von weiteren Chargen und den Produkten Novaplus und Gold T. Der deutsche Vertreiber von Eurogine, Tomed GmbH hat darauffolgend ein Erinnerungsschreiben versendet und auf die Möglichkeit des Bruchs hingewiesen.
Ende 2019 gab das Bundesinstitut für Arneimittel und Medizinprodukte selbst ein Schreiben heraus, in dem es die "getroffenen korrektiven Maßnahmen des Herstellers nicht für angemessen" einordnet. Es folgt eine Warnung durch das BfArM. Zu diesem Zeitpunkt sind laut Angaben des Spiegels bereits 936 Meldungen über Komplikationen eingegangen.
So werden behandelnde Frauenärzte dazu aufgerufen, über Kundeninformationsschreiben alle Trägerinnen der betroffenen Modelle zu informieren und die aktuelle Situation zu überprüfen. Auch ruft die Behörde Trägerinnen dazu auf, die Prüfung eigenständig beim Gynäkologen anzufordern.
Verbraucherschutzverein Österreich reicht Sammelklage mit 2.000 Betroffenen ein
Laut Berichten der taz und des Spiegels sind diese Warnungen allerdings selten bis zu den Patientinnen selbst durchgedrungen. Auch nicht alle Frauenärzte scheinen informiert gewesen zu sein. Der Verbraucherschutzverein Österreich strengte eine Sammelklage an, dahinter standen 2.000 Betroffene aus dem deutschen Nachbarland.
Doch die erste Musterklage hat der Oberste Gerichtshof in Österreich im Januar abgewiesen. Dass die Gynäkologen betroffener Frauen diese rechtzeitig informieren, darauf hätte der Staat vertrauen können.
"Ich bedauere diese Entscheidung des OGH sehr – hat man doch gesehen, dass bei über 2.000 betroffenen Frauen in Österreich, die sich allesamt nur durch die Medienarbeit des VSV bei uns gemeldet haben, die Warnkette durch die Gynäkologen alles andere als funktioniert hat", sagt Daniela Holziger, Obfrau des Verbraucherschutzvereins. Vier weitere Musterklagen stehen noch aus.
Pille durch hormonfreie Alternativen abgelöst
Statistiken zeigen, dass hormonfreie Verhütungsmittel immer beliebter werden. So ist die Nutzung der Pille laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung binnen zwei Jahrzehnten von mehr als der Hälfte zu 38 Prozent Nutzerinnen gesunken. Das Kondom hingegen erlebt einen Aufschwung.
Aber auch die Spirale (Hormonpräparate und Kupferspirale zusammengezählt) wird inzwischen von 14 Prozent der 18 bis 49-jährigen Frauen in Deutschland genutzt.
"Die Nachteile und Risiken von hormonellen Verhütungsmethoden werden heute öffentlich stärker thematisiert", ordnet Dr. Eike Eymers, Ärztin im Stab Medizin des AOK-Bundesverbandes, die Entwicklungen ein. Heutzutage werde besser und umfassender aufgeklärt. "Das kann zu einer Verhaltensveränderung führen, aber auch zu einer kritischeren Einstellung gegenüber der Einnahme von Hormonen und zu einer bewussteren Entscheidung für risikoärmere Präparate."
Der wichtigste Grund für die Wahl des Verhütungsmittels ist Sicherheit und Zuverlässigkeit. 63 Prozent der jungen Menschen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren stellen dies allen anderen Gründen voran. Das ergeben Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem November 2024.
Insbesondere junge Frauen äußern Vorbehalte gegenüber hormonellen Verhütungsmitteln. Hormonelle Verhütung wird von fast zwei Dritteln der sexuell aktiven jungen Erwachsenen kritisch gesehen, obwohl die Pille weiterhin zu den meistgenutzten Verhütungsmitteln zählt.
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