Französischer Arzt wegen Missbrauchs von 299 Kindern vor Gericht
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Es ist einer der größten Pädophilie-Prozesse in Frankreich. Joël Le Scouarnec soll seine Opfer zumeist während der Narkose im Rahmen einer Operation oder im Aufwachraum sowie allein bei der Visite missbraucht und darüber akribisch Buch geführt haben. Im Durchschnitt sollen die Opfer elf Jahre alt gewesen sein. Viele erfuhren erst später von den mutmaßlichen Vorfällen, da sie zum Tatzeitpunkt bewusstlos waren.
Schon am ersten Prozesstag räumte der Angeklagte selbst vor dem Gericht in Vannes "abscheuliche Taten" ein und gestand Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe. "Ich bin mir bewusst, dass diese Verletzungen irreparabel sind", erklärte er. "Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, aber ich bin es all diesen Menschen und ihren Angehörigen schuldig, die Verantwortung für meine Taten zu übernehmen." Am zweiten Prozesstag ging es um seine Persönlichkeit. Dazu wurden zwei seiner Söhne befragt. An diesem Mittwoch stand die mit Spannung erwartete Aussage seiner Ex-Frau an, die sich 2023 von ihm scheiden ließ.
"Doktor Jekyll und Mister Hyde"
"Das ist Doktor Jekyll und Mister Hyde", sagte einer der Söhne laut französischen Medienberichten vor Gericht. Bei den bisherigen Anhörungen zeichnete sich das Bild einer Familie ab, in der über vieles der Mantel des Schweigens gehüllt wurde. Ein Sohn sagte vor Gericht auch aus, im Alter zwischen fünf und zehn Jahren von seinem Großvater, dem Vater des Angeklagten, missbraucht worden zu sein.
Für die Opfer des Angeklagten ist es eine schwierige Aufarbeitung von Verletzungen, an die sie sich oft wegen ihrer Betäubung zum Tatzeitpunkt gar nicht erinnern konnten. Für andere bleiben diffuse Erinnerungen - wie für einen Mann, heute in den Dreißigern: Er sagte aus, dass er 1995 als kleiner Junge während einer Behandlung angegriffen worden sei. Und: "Ich erinnere mich an bestimmte Dinge im Aufwachraum. Ich war in totaler Panik. Ich habe nach meinen Vater gerufen."
Angeklagter schon verurteilt - und dennoch weiter im Krankenhaus tätig
Wegen Missbrauchs aufgefallen war Le Scouarnec 2017 durch die Anzeige seiner Nachbarn. Deren Tochter hatte er im Garten missbraucht. Für diesen und drei weitere Missbrauchsfälle wurde er 2020 bereits zu 15 Jahren Haft verurteilt. Doch schon 2005 war er wegen Besitzes kinderpornografischer Bilder zu einer viermonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Diese Verurteilung behinderte aber seine weitere berufliche Tätigkeit und Krankenhauskarriere nicht. Inwieweit Kolleginnen und Kolleginnen Verdacht schöpften oder sogar mehr wussten, wird sich noch gerichtlich klären lassen müssen.
Der Prozess in Vannes ist auf vier Monate angesetzt. Wegen der mutmaßlichen Missbrauchsfälle im Zeitraum von 1989 bis 2014 an 158 Jungen und 141 Mädchen drohen dem Angeklagten bis zu 20 Jahre Gefängnis. Mehrere frühere mutmaßliche Fälle werden nicht mehr juristisch aufgearbeitet, weil sie schon verjährt sind. In dem Verfahren mit vielen Klägern treten auch einige Kinderschutzgruppen als Zivilpartei auf. Sie hoffen, den Rechtsrahmen zur Verhinderung derartigen Missbrauchs verschärfen zu können.
Es ist das zweite aufsehenerregende Missbrauchs- und Vergewaltigungsverfahren in Frankreich binnen weniger Monate. Zuvor hatte der Vergewaltigungsfall von Gisèle Pélicot international Schlagzeilen gemacht. Sie war jahrelang von ihrem Ehemann unter Drogen gesetzt und von ihm und Dutzenden anderen Männern, denen er sie angeboten hatte, vergewaltigt worden. Die Täter wurden zu Haftstrafen zwischen drei und 20 Jahren verurteilt. Aktivisten drängen nun darauf, die Tabus zu brechen, die sexuellen Missbrauch in Frankreich lange Zeit umgeben haben.
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