Wie kann soziale Mobilität die europäische Wirtschaft ankurbeln?

Eine Verbesserung der sozialen Mobilität könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der europäischen Länder um drei bis neun Prozent steigern. Das hat eine aktuelle McKinsey-Studie ergeben. Unter sozialer Mobilität versteht man die Bewegungen von Menschen in der Gesellschaft von einer sozialen Schicht in eine andere.
Mehr als ein Drittel der Europäer hat mit Hindernissen in der sozialen Mobilität zu kämpfen. Soziale Mobilität bedeutet, dass Beschäftigungsmöglichkeiten und Karriereentwicklung nicht mit demographischen und familiären Faktoren verknüpft sind. Ein Mangel sozialer Mobilität führt zu niedrigeren Beschäftigungsquoten, einer weniger produktiven Belegschaft und einem langsameren Karrierewachstum als bei Menschen aus wohlhabenderen Verhältnissen.
Da die europäische Bevölkerung altert und die Unternehmen neue Qualifikationen benötigen, reicht die Zahl der verfügbaren qualifizierten Arbeitnehmer rasch nicht mehr aus. Laut der Studie könnte eine Verbesserung der sozialen Mobilität die bis 2030 erwartete Qualifikationslücke schließen, ohne dass neue Ausbildungs- oder Umschulungsmaßnahmen erforderlich wären.
"Soziale Mobilität ist nicht nur der nächste Schritt zur Integration. Sie ist ein strategischer Imperativ für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit Europas", heißt es in dem Bericht.
Für die Untersuchung wurden (sowohl öffentlich zugängliche als auch unveröffentlichte) Daten aus der EU-Arbeitskräfteerhebung von Eurostat analysiert. Dabei wurden insbesondere die sozioökonomischen Hintergründe der Europäer in den Fokus genommen. Mehr als 3.000 britische, deutsche und italienische Arbeitnehmer mit unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründen wurden befragt.
Auszeit vom Erwerbsleben
Arbeitnehmer mit niedrigem sozioökonomischem Hintergrund (9,4 Prozent) haben eine höhere Arbeitslosenquote als Arbeitnehmer mit wohlhabenderem Hintergrund (5,3 Prozent). Außerdem dauert ihre Arbeitslosigkeit im Durchschnitt mindestens fünf Monate länger als bei Personen aus wohlhabenderen Verhältnissen.
Auch die Gründe für ihre Arbeitslosigkeit unterscheiden sich erheblich. Im Vergleich zu ihren Kollegen mit hohem sozioökonomischen Hintergrund sind Arbeitnehmer mit niedrigem sozioökonomischen Hintergrund häufiger von Entlassungen betroffen. Die wohlhabendere Gruppe verlässt ihren Arbeitsplatz öfter, um sich weiterzubilden, was normalerweise mit einem beruflichen Aufstieg verbunden ist.
Wenn die Beschäftigungsquote der Arbeitnehmer mit niedrigem sozioökonomischen Hintergrund auf das Niveau ihrer wohlhabenderen Kollegen angehoben würde, könnten 2,1 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt werden.
Geht man davon aus, dass jede zusätzlich beschäftigte Person einen wirtschaftlichen Mehrwert von 74.692 Euro generiert, würde sich dies auf das europäische BIP in Höhe von rund 160 Milliarden Euro auswirken.
Veränderung von Nachfrage und Angebot
In der Zwischenzeit sind die europäischen Unternehmen mit einer Krise des Fachkräftemangels konfrontiert, die sich zu verschärfen scheint. 29 europäische Länder berichten von einem erheblichen Mangel an Fachkräften, wobei die Zahl der unbesetzten Stellen seit 2020 um bis zu 50 Prozent gestiegen sind.
Besonders ausgeprägt sind diese Probleme im Baugewerbe, im Beherbergungs- und Gaststättengewerbe sowie in hochqualifizierten beruflichen, wissenschaftlichen und technischen Bereichen.
Arbeitnehmer mit niedrigerem sozioökonomischen Background haben auch eine geringere Wahrscheinlichkeit, einen hochqualifizierten Job zu bekommen, als ähnlich gebildete Personen aus wohlhabenderen Verhältnissen.
Passt man den Qualifikationsmix der Arbeitsplätze von Arbeitnehmern mit niedrigem soziökonomischen Hintergrund an den ihrer wohlhabenderen Altersgenossen mit gleichem Bildungsniveau an, könnte man das BIP um zusätzliche 590 Milliarden Euro steigern, fanden die McKinsey-Forscher heraus.
Arbeitnehmer mit niedrigem sozioökonomischem Hintergrund kommen in ihrer Karriere oft langsamer voran als ihre wohlhabenderen Kollegen, selbst in ähnlichen Berufen.
Würde ihr berufliches Fortkommen beschleunigt, um mit dem ihrer Kollegen gleichzuziehen, würde dies zu einem Anstieg der Wertschöpfung um 44 Prozent bei hochqualifizierten Arbeitsplätzen und um 13 Prozent bei Arbeitsplätzen mit höherer bis mittlerer Qualifikation führen. Dies würde das BIP in Europa insgesamt um 570 Milliarden Euro erhöhen.
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